Institut für Sportwissenschaft

Doktoratsprogramm „Interdisziplinäre Sportwissenschaft“

Da haben sich zwei gefunden... - Ein Erlebnisbericht zur 1. Summer School im Rahmen des internationalen Doktoratsprogramms Bern-Tübingen „interdisziplinäre Sportwissenschaft“

Am Ende der 1. Summer School, welche im Rahmen des internationalen Doktoratsprogramms Bern-Tübingen „interdisziplinäre Sportwissenschaft“ zwischen dem 29. Juni und dem 1. Juli 2017 im malerischen Tübingen stattfand, stand eines fest: Die Kompatibilität der beiden Partnerinstitutionen ist sowohl auf der thematischen als auch auf der zwischenmenschlichen Ebene in hohem Masse gegeben. Letzteres wurde bereits beim herzlichen Empfang im Schloss Höhentübingen deutlich. Für viele war es ein Treffen mit „alten“ Bekannten. Aber auch ich als Neuling in der Gruppe fühlte mich sofort sehr willkommen.

Gruppenbild Teilehmerinnen und Teilnehmer Summer School 2017

Ein Treffen von grosser Bedeutung

Nachdem der erste Hunger gestillt und der Durst gelöscht war, stiegen wir inhaltlich ein. Welche Wichtigkeit der Veranstaltung von den Beteiligten beigemessen wurde, zeigte sich sehr rasch. So war es Prof. Dr. Josef Schmid, der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen persönlich, welcher zur Begrüssung ein paar Worte an die Teilnehmenden richtete. Und dies nicht an irgendeinem Ort, sondern im Fürstenzimmer des Tübinger Schlosses, einem altehrwürdigen Raum, dessen Nutzung beim Kanzler persönlich beantragt werden muss und welches nur freigegeben wird, wenn die Veranstaltung dafür hinreichend bedeutungsvoll erscheint. Im Anschluss erläuterte Prof. Dr. Achim Conzelmann in seiner Doppelrolle als Vizerektor Entwicklung der Universität Bern und Leiter des Doktoratsprogramms, dass dem Doktoratsprogramm auch von Seite der Universität Bern und von swissuniversities eine hohe Bedeutung zugeschrieben wird und es deshalb von einer finanziellen Förderung profitieren darf. Und dann waren da mit Prof. Dr. Hartmut Gabler, i.R. und Prof. em. Dr. Ulrich Göhner auch noch zwei Gäste, die alleine durch ihre Anwesenheit die Wichtigkeit der Veranstaltung unterstrichen. Falls es das Ziel der Einführung war, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu lenken und die Neugier auf das was kommt zu wecken, wurde es aus meiner Sicht erreicht. 

Begrüssung durch den Dekan

Die drei „R“

Während das Doktoratsprogramm und die damit verbundenen Treffen in den kommenden Jahren vorwiegend dazu dienen sollen, über die verschiedenen Doktoratsvorhaben zu diskutieren, stand bei der 1. Summer School zunächst die wissenschaftstheoretische Grundlegung im Zentrum. Passend dazu referierte Prof. Dr. Thomas Potthast, Professor für Ethik, Theorie und Geschichte der Biowissenschaften in Tübingen, in seinem Eröffnungsreferat zum Thema Verantwortung in der Sportwissenschaft: Gesellschaftsbezug, Ethik, Inter- und Transdisziplinarität. Dabei grenzte er zunächst Moral und Ethik begrifflich voneinander ab, bevor er auf die Interdisziplinarität zu sprechen kam. Er zeigte auf, dass die fächerübergreifende Zusammenarbeit, die oft gemeint ist, wenn von Interdisziplinarität die Rede ist, in Bezug auf die Intensität stark variieren kann. Während seinen weiteren Ausführungen, welche sich um den Verantwortungsbegriff drehte, wurde schliesslich umrissen, was sich hinter dem Tübinger Zukunftskonzept (Research – Relevance – Responsibility) verbirgt. Insgesamt war die Begriffsdiskussion, welche Prof. Potthast führte, sehr aufschlussreich und ich fand es interessant, in den darauffolgenden Referaten zu beobachten, ob sich das Begriffsverständnis der Referenten mit dem von Prof. Potthast deckt.

Referat Prof. Dr. Thomas Potthast

10 Hossner’sche Gebote

Nach einer kurzen Kaffeepause folgte der erste sportwissenschaftliche Beitrag des Tages von Prof. Dr. Ernst-Joachim Hossner. Unter dem Titel Interdisziplinäre Sportwissenschaft: vom Umgang mit Perspektivität beschrieb er, dass sich die Sportwissenschaft gerade durch ihren interdisziplinären Charakter von anderen Fächern / Disziplinen abhebt. Im selben Atemzug kritisierte er jedoch, dass es sich dabei oft nur um „behauptete Interdisziplinarität“ handle. Seine Kernaussage, dass wissenschaftliches Erkennen stets perspektivisch sei und dass sich die Perspektive (bzw. die Brille) zwischen den Teil-/Disziplinen unterscheide, machte er an einem sehr anschaulichen Beispiel deutlich. Zum Schluss lieferte Prof. Hossner dann auch gleich noch 10 Regeln die im Umgang mit der Perspektivität von Nutzen sein können. Darin enthalten ist beispielsweise die Forderung, eine definierte Perspektive einzunehmen, alternative Perspektiven aber dennoch zu akzeptieren und sie, sofern dies sinnvoll erscheint, einzubeziehen. Das Referat von Prof. Hossner lieferte zwar ein paar Antworten. Allerdings liess es bei mir auch zahlreiche neue Fragen aufkommen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er damit sein Ziel erreicht hat ;-)

Referat Prof. Dr. Ernst-Joachim Hossner

Sport als unaustauschbarer Gegenstand

Im dritten Referat des Tages widmete sich Prof. Dr. Oliver Höner dem Thema Sportwissenschaft im Singular: Notwendigkeit oder Trugschluss? Darin stellte er heraus, dass es sich beim Sport um den unaustauschbaren Gegenstand der Sportwissenschaft handelt, wodurch sich die Sportwissenschaft auch von anderen Fächern / Disziplinen abgrenzen lässt. Zudem erläuterte er, dass Interdisziplinarität nötig ist, um den komplexen Problemen der Sportpraxis gerecht zu werden und dass es nach ihm nur Sinn macht, von der Sportwissenschaft im Singular zu sprechen, wenn interdisziplinär (nicht multidisziplinär) und problemorientiert gearbeitet wird. Aus dem Vortrag von Prof. Höner nahm ich folgendes mit: Sportwissenschaftliche Arbeiten haben, auch wenn sie noch so unterschiedlich sein mögen, letztlich immer mindestens eine Gemeinsamkeit – den Sportbezug.

Nachdem im Sinne einer Synthese in Kleingruppen noch einmal kurz über die wichtigsten Fragen des Tages diskutiert wurde, spazierten wir vom Schloss Höhentübingen gemeinsam hinunter zum Restaurant „die Kelter“. Bei wohliger Atmosphäre durfte in den historischen Räumlichkeiten ein schmackhaftes Nachtessen genossen werden. Was im Anschluss daran im weiteren Verlauf des Abends noch vor sich ging, entzieht sich jeglicher Kenntnis des Autors dieses Berichts...

Arbeitsphase

Wahrheit ist nicht der Standard

Gesichert ist jedoch, dass sich tags darauf die Tübinger und die Berner um 9.00 Uhr frisch und munter im Konferenzzentrum Schnarrenberg einfanden, um dem Hauptreferat des Tages von Claus Beisbart, Extraordinarius an der Universität Bern mit Schwerpunkt Wissenschaftsphilosophie, zu lauschen. In seinem Referat zum Thema Was ist gute (Sport-)wissenschaft? Epistemische Standards und ihre Funktionen in interdisziplinärer Forschung zeigte er auf, dass Wahrheit als Standard zur Beurteilung wissenschaftlicher Güte gänzlich ungeeignet ist, da sie nicht greifbar ist. Weiter erläuterte Prof. Beisbart, dass sich verschiedene Disziplinen durch unterschiedliche, innerhalb der Scientific Community definierte Standards voneinander abgrenzen lassen. Zum Schluss machte er deutlich, dass interdisziplinäre Forschung deshalb eine explizite Einigung auf die Standards zur Beurteilung der Güte eines Resultates voraussetzt. Es war beeindruckend, mit welcher Klarheit und Kohärenz Prof. Beisbart seine Gedanken darlegte.

Proff. Claus Beisbart und Achim Conzelmann

Gefahren der Anwendungsorientierung

Der daran anschliessende sportwissenschaftliche Beitrag wurde von Prof. Dr. Ansgar Thiel zum Thema Wissenschaft unter Druck – eine Herausforderung auch für die Sportwissenschaft geleistet. Darin beschrieb er, dass die Entwicklung der Sportwissenschaft in Richtung einer verstärkten Anwendungsorientierung auch Probleme mit sich bringt (z.B. Verlust der Unabhängigkeit, Ressourcenprobleme und Transferprobleme). Gleichzeitig gab Prof. Thiel zu bedenken, dass eine zu starke Orientierung an den Mutterdisziplinen einschneidende Konsequenzen für das Selbstverständnis der Sportwissenschaft haben könnte und sportwissenschaftliche Kerngebiete wie die Trainingswissenschaft und die Sportpädagogik dadurch an Bedeutung verlieren würden.

Porf. Dr. Ansgar Thiel

Zusätzliche Standards sind nötig

In den beiden Beiträgen aus Teil“disziplinen“ der Sportwissenschaft wurde eine Reduktion der Flughöhe beabsichtigt. Prof. Dr. Gorden Sudeck referierte dabei zum Thema Komplexe Interventionen – besondere Herausforderung problemorientierter Sportwissenschaft? Dabei zeigte er, dass komplexe Interventionen in der Public Health Forschung im Vergleich zu experimenteller Forschung aus dem Bereich der Medizin grundsätzlich mit einer geringeren Kontrollierbarkeit verbunden sind, da das Setting immer „real life“ ist. Dies verlangt einen interdisziplinären Zugang. Die Güte der Public Health Forschung an den gleichen Kriterien zu messen, wie Forschung im Bereich der Medizin, scheint vor diesem Hintergrund nicht sinnvoll. Stattdessen scheint es zentral, dass die Public Health Forschung ihre eigenen Standards definiert, an welchen sie gemessen werden will. Nach dem Vortrag hatte ich das Gefühl, sehr viele Bezüge zu den vorangegangenen Referaten herstellen zu können. Langsam aber sicher schien es mir, als würden die einzelnen Puzzleteile zu einem Ganzen verschmelzen.

Prof. Dr. Gorden Sudeck

Wo Normativität zulässig ist

Vom pragmatischen Umgang mit dem wissenschaftstheoretischen Grundproblem der Sportpädagogik lautete der Titel des Referats von Ass.-Prof. Dr. Mirko Schmidt. Darin erläuterte er seinen Standpunkt, nach welchem Normativität sowohl zu Beginn bzw. bei der Problemgenese als auch ganz am Ende des Forschungsprozesses zulässig ist, während dem im empirisch analytischen Teil Normativität keinen Platz hat. Die darauffolgende Diskussion ging zeitlich noch weit über das Referat hinaus, was im Sinne des Referenten gewesen sein dürfte.

Ass. Prof. Dr . Mirko Schmidt

Nach einer zweiten Synthese, in welcher die Resultate aus der Synthese 1 zusammengetragen wurden, fanden die ersten thematischen Blöcke statt, in welchen einzelne Promotionsvorhaben vorgestellt und diskutiert wurden. Dass beim darauffolgenden Abendessen im Bootshaus am Neckar an den einzelnen Tischen eine noch grössere Durchmischung zwischen Tübingern und Bernern als bereits am Vorabend zu beobachten war, kann als Zeichen dafür interpretiert werden, dass die Referate und Diskussionen einer weiteren Annäherung durchaus förderlich waren. Am Samstagmorgen folgten weitere thematische Blöcke, bevor die 1. Summer School kurz nach dem Mittag mit einer kurzen Zusammenfassung des Ertrags der drei Tage durch den Leiter des Doktoratsprogramms, Prof. Dr. Achim Conzelmann, ihr Ende fand. Mit Blick auf die Sinnhaftigkeit und Ausgestaltung einer „interdisziplinären (problemorientierten) Sportwissenschaft“ deuteten sich dabei folgende, für das Doktoratsprogramm und vielleicht auch für die Ausrichtung der beiden Institute zukunftweisenden Tendenzen an.

  • Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Sportwissenschaft ein an gesellschaftlichen Problemen orientiertes und durch gesellschaftliche Probleme inspiriertes Fach ist, welches sich durch seinen interdisziplinären Charakter auszeichnet. Eine problemorientierte Herangehensweise, welche gleichzeitig hohen wissenschaftlichen Standards genügt, scheint nötig, um auch in Zukunft die komplexen Fragen des Sports zu beantworten. Dieser Leitorientierung folgend, sollte die Sportwissenschaft versuchen sowohl einen hohen gesellschaftlichen als auch wissenschaftlichen Impact zu erzielen.
  • Es wird als nötig erachtet, sich darauf zu einigen, was im Rahmen des Doktoratsprogramms unter Interdisziplinarität zu verstehen ist. Nach Schürmann und Hossner (2012, S. 1) ist wissenschaftliches Erkennen stets perspektivisch bzw. disziplinär. In eine ähnliche Richtung gehen die Ansichten von Prof. Beisbart, der mit Bezug auf Kuhn erläuterte, dass echte interdisziplinäre Forschung ein gemeinsames Verständnis der epistemischen Werte/Standards voraussetzt. Es wird bezweifelt, dass dies von der Sportwissenschaft geleistet werden kann bzw. geleistet werden soll. Mit Bezug auf die Anmerkung von Prof. Potthast, dass es ein Spektrum verschiedener Intensitäten einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit gibt, scheint es wünschenswert eine Interdisziplinarität anzustreben, welche zwischen den beiden Extremen „gleiche wissenschaftliche Standards aller sportwissenschaftlicher Teildisziplinen“ und einer „Sammelband-Interdisziplinarität“ liegt. Eine definierte Perspektive einzunehmen, gleichzeitig aber alternative Perspektiven und Standards zu akzeptieren, wie es Prof. Hossner gefordert hat, könnte ein Schritt in diese Richtung sein. Interdisziplinarität würde dann für uns so etwas wie Gesprächsfähigkeit und -bereitschaft bedeuten und sich in etwa an den 10 Hossner`schen Geboten orientieren.
  • Sportwissenschaft vs. Sportwissenschaften: Es scheint Einigkeit darüber zu bestehen, dass die Standards der verschiedenen sportwissenschaftlichen Teildisziplinen unterschiedlich sind und unterschiedlich sein sollen. Trotzdem scheint es aus einem pragmatischen Standpunkt nicht verfehlt, von der Sportwissenschaft im Singular zu sprechen, um anzudeuten, dass es sich um eine Scientific Community handelt, welche die verschiedenen sportwissenschaftlichen Teilbereiche verbindet und die Teilbereiche auch institutionell und in Bezug auf die Lehre zusammenfassen möchte.
  • Werturteilsfreiheit: Alles was systemimmanent (innerhalb der Wissenschaft) abläuft, sollte werturteilsfrei sein. Dies ist in aller Kürze der Konsens der Gruppendiskussion. Wissenschaft ist jedoch keine wertfreie Praxis. Wie Prof. Beisbart zeigte, sind die epistemischen (innerwissenschaftlichen) Werte grundlegend. Prof. Potthast gab zudem zu bedenken, dass die Folgen der Forschung und Ergebnispublikation stets bedacht werden müssen und ethische Reflexion deshalb immer Teil der wissenschaftlichen Praxis sind. Dennoch wird Max Webers Forderung, Forschungsresultate müssten wertneutral kommuniziert werden, zugestimmt.

Es waren drei sehr angenehme und vor allem anregende Tage. Ich persönlich freue mich bereits sehr auf die Réunion im kommenden Jahr – man munkelt, es könnte im Engadin sein…

 

Verfasst von Mario Kamer (10. August 2017)